Innere Ruhe und Kraft
- Rita Schreiber

- vor 20 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Durch mehr Resilienz

Du wachst morgens auf:
Die Welt ist in Ordnung. Für einen kurzen Zeitraum hörst du den erlösenden Regen nach einer langen Phase der Trockenheit. Du siehst die wärmenden Sonnenstrahlen an einem kalten Wintertag durch die Gardinen in dein Zimmer scheinen.
Deine ersten Gedanken:
Welcher Tag ist heute? Kann ich noch liegen bleiben oder muss ich sofort aufstehen?
Was steht alles an? Was muss ich als erstes tun?
Noch tut nichts weh, aber wenn ich mich bewege…
Spätestens beim Zähneputzen:
Fährt dein Verstand hoch und übernimmt.
Während der Nachrichten:
Dein Gehirn wird mit Infos geflutet: Kriege, Handel und Geld, neueste Entwicklungen.
Beim ersten Kaffee:
Die Gedanken kreisen: Problem mit dem Kollegen, das Projekt läuft nicht wie geplant, Gespräch mit dem Chef.
Willkommen im Alltag. Hallo Funktionalität und Stress.
Spätestens jetzt ist unser System im Alltag angekommen und auf Betriebstemperatur.
Ein vertrautes Level an Anspannung im Körper, das uns für den Rest des Tages begleitet.
Manche Nachricht lässt uns höher fahren, andere lassen uns etwas entspannen. So arbeiten wir uns durch den Tag.
Abends kommen wir nach Hause und entweder geht es nun weiter oder wir können langsam zur Ruhe kommen.
Je nach persönlicher Präferenz und Lebensaufbau gibt es dann Kinder, Haushalt, Ehestress oder Sport, Ruhe, gemütliches Essen, Lesen und entspanntes Fernsehen.
Wem es noch nicht reicht, der schaut wahlweise einen Krimi, ein Drama oder Actionfilm.
Es boomen Spielshows, Koch- und Backsendungen.
In Reality-Formaten streiten die Z-Promis, stellen sich auf Inseln oder im Dschungel irgendwelchen Herausforderungen oder packen Gadgets aus. Sie haben Geldnöte, Beziehungsstress oder verlassen fluchtähnlich ihr altes Leben und wandern aus.
Mit der sicheren Glasscheibe zwischen deren Realität und unserem eigenen Leben können wir dabei zuschauen wie sie ihren angestauten Emotionen Luft machen, wie sie lieben und leiden. Leben auf Abstand. Ein bisschen Emotion aber nicht zu viel.
Wem das noch nicht reicht, der schaut am Wochenende in andere Universen, schaut sich Kriege in fernen Galaxien an und fiebert mit den jeweiligen Helden bei deren Bemühungen, die Menschheit zu retten.
Nichts gibt mehr Befriedigung wie ein fliegender Retter, der mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, dem Bösen „eine reinhaut“, unsere Wut dabei gleich mit kanalisiert und am Ende siegreich für neuen Frieden gesorgt hat. Beifall inbegriffen.
Doch wir wissen, dass dies nur ein Traum ist, dass wir wie in „Und täglich grüsst das Murmeltier“ am nächsten Morgen wieder in der Tretmühle aufwachen.
Und die Filmindustrie hat sich längst angepasst: bei den „Avengers“ ist am Ende eben nicht die „Heile Welt“, unsere Helden werden angefeindet, der Böse ist zwar körperlich besiegt, hat aber eine miese Überraschung hinterlassen, die die Welt des Helden aus dem Gleichgewicht bringt.
Der Cliffhanger verrät, dass der nächste Kampf unweigerlich kommt, die nächste Herausforderung nicht lange auf sich warten lässt.
Und statt tiefer Entspannung bleibt unser Nervenkostüm angespannt. Das System ist weiter hochgefahren und wir warten sehnsüchtig auf den nächsten actionreichen Kampf in tiefer Sehnsucht nach innerer Ruhe und dass wir endlich wissen, dass am Ende das Gute siegt. Eine Zeit in der wir endlich nicht mehr aufpassen müssen und innere Ruhe einkehrt.
Nicht jeder schaut Filme oder Fernsehen. Manche gehen für befriedigende Auseinandersetzungen ins Internet. - Social Media bietet Schauplätze auf denen man sich anonym austoben kann.
Hier kann man Wut und runtergeschluckten Ärger anderen um die Ohren hauen, ihnen den angestauten Tagesfrust „vor die Füße kot…“
Für einen Moment mag es sich leichter anfühlen, bis sich das Fass wieder gefüllt hat und nach der nächsten Entladestation gesucht wird.
Und der andere?
Muss es nehmen, ob er will oder nicht, es kanalisieren und den Gefühlsmüll vorsichtig entsorgen.
Sich ein dickes Fell zulegen und es abprallen zu lassen ist auch nicht so einfach. Das heißt nämlich, sich vor seinen eigenen aufkommenden getriggerten Emotionen verschließen zu müssen, was auch wieder Auswirkungen hat, aber das ist ein anderes Thema.
Wir haben in der Physik gelernt, das Energie nicht verschwindet: hat nun der andere Spieler den Ball erhalten, muss er sich um seine Emotionen kümmern und das Spiel läuft weiter.
Tagtäglich hören wir von Krieg, Hunger, Befreiungskämpfen, Diktatoren, fühlen uns den Mächtigen ausgeliefert, die wahlweise die Welt zerstören oder die Preise in schwindelerregende Höhen treiben. Wir fühlen uns machtlos, sind selbst der Spielball auf dem großen Feld des Lebens.
Unsere Sehnsucht nach Liebe endete dabei schon längst im Alltagstrott.
Wir alle wollen ein Happy End - aber ist dies nur ein Märchen? Jeder sehnt sich nach Ruhe und Entspannung, gibt es das überhaupt?
Urlaube boomen, genauso wie das Weihnachtsgeschäft. Es sind unsere inneren Inseln der Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Familie und Freude. Längst haben wir gehört, dass gerade nach solchen Auszeiten die Trennungsrate am Höchsten ist. Wir sind ernüchtert und dennoch kehrt jährlich die Vorfreude und Hoffnung zurück.
Dystopisch? Pessimistisch? Können wir unser Leben aktiv verändern?
Das Beschriebene ist ein Abbild einer weit verbreiteten Wirklichkeit.
Doch wo kommt das her? Wer ist schuld? Unser gesellschaftliches System? War es denn schon immer so? Gab es eine Zeit in unserm Leben wo es mal anders war?
Wie war es in unserer Kindheit? Waren wir da glücklicher? Der eine oder andere schon.
Was ist mit unseren Kindern? Sind die zufriedener?
Wie lange können wir ihnen die friedlichere Welt erhalten? Wann kommt der Realitätsschock? Und muss es überhaupt einen geben?
Gibt es eine, wenn auch geringe, Chance auf Immunität?
Könnte Resilienz helfen?
Was ist Resilienz?
Es ist die Fähigkeit, mit den Stürmen des Lebens umzugehen, ohne dass sie einen umwehen.
Ähnlich wie ein Baum, der sich im Sturm biegen kann aber verwurzelt bleibt und die Winde nutzt, seine Wurzeln zu verzweigen und stabiler auszubauen.
Die Antwort wäre also - eine Auseinandersetzung im Leben in geeigneter Dosierung.
Es darf uns nicht zerstören und wir lernen mit den Herausforderungen umzugehen.
Wie einen Muskel, den wir trainieren, der dadurch immer stärker und kraftvoller wird.
Also müssten unsere Kinder Schritt für Schritt üben, sich den Lebensaufgaben zu stellen, bis sie selbst stabil genug sind, im eigenen erwachsenen Leben anzukommen.
Klingt theoretisch gut, aber die Praxis ist immer dynamisch.
Wir alle kennen Eltern, die ihre Kinder in Watte packen, vor allem beschützen möchten und als typische Helicopter-Eltern vor den Schulen stehen, morgens und nachmittags, um sie im Auto sicher zum nächsten Programmpunkt zu bringen. Verständlich, die Welt ist grausam genug.
Und es gibt die gegenteiligen Kindheiten, in denen Missbrauch, Schläge und Alkohol, Streit und Einsamkeit eine große Rolle spielen. Es sind zu viele Herausforderungen für eine Kinderseele.
Solche Kinder sind von Anfang an in der Konfrontation mit ihren Gefühlen, die sie nicht verarbeiten können. Wut, Ärger, Hass oder Angst und Handlungsunfähigkeit.
Um irgendwie klarzukommen muss es diese Gefühle tief in sich vergraben, muss funktionieren, überleben.
Im Überlebensmodus wird solch ein verdrängter Schmerz erst mal weggedrückt und weniger fühlbar gemacht, aber er bleibt im System. Wo soll er auch hin?
Kennst du die Filmszene aus „Zweiohrküken“ wo Nora Tschirner die Schranktür öffnet und alle leeren Plastikpfandflaschen stürzen auf sie ein?
So ungefähr ist das mit dem vergrabenen Schmerz. Erst unsichtbar weggepackt, aber irgendwann, wenn die Abwehr gerade nicht so gut funktioniert, fällt er buchstäblich auf uns drauf. Er bricht hervor, wie die Flachen aus dem Schrank.
Das kann in kleinen Dosen sein, ausgelöst durch Alltagsstress oder in großen Mengen, weil uns die Flut an täglichen Aufgaben, Diskussionen und Nachrichten förmlich überrollt.
Die Frage lautet nun: können wir resilienter werden?
Schließlich sind die Anforderungen ja schon da.
Wir sind erwachsen und alle Prägungen längst passiert. Die meisten davon liegen lange zurück.
Können wir stabiler werden ohne alle ungewollten Gefühle zu verdrängen und sie in den Untergrund wegschieben zu müssen?
Sie würden dort ja eh weiter wirken und unter Umständen ein Eigenleben führen.
Schließlich soll aus einem verdrängten Gefühl ja kein Dämon werden, den wir auch wieder bekämpfen müssten.
Das Letzte was wir wollen ist ein „Infinity War“ in unserer Schattenwelt.
Haben wir also die Möglichkeit, Licht ins Dunkel des Unterbewusstseins zu bringen, bereits bestehende Dämonen aufzulösen und so für mehr Frieden in unserem System zu sorgen? Können wir Dinge, die in unserer Kindheit nicht gut liefen, nachträglich lösen und eine stabile Verwurzelung, auch Jahre später, noch erreichen?
Die einfach Antwort lautet: Ja - können wir.
Wir können in unserer Innenwelt Zeitreisen machen.
Wir können unserem früheren kleinen ICH, unserem Inneren Kind, helfen.
Wir können in seine Welt kommen, dort handeln, reden, zuhören, zeigen und unterstützen.
Wir können in unserer inneren Welt in die Vergangeheit reisen, Dinge lösen und verändern, wie bei der Suche nach den Infinity-Steinen in „Endgame“, wie in „Zurück in die Zukunft“ oder bei Hermine mit dem „Zeitumkehrer“.
Unsere Innenwelt ist genauso lebendig wie die Außenwelt, sie kann sich genauso abenteuerlich wie ein Blockbuster darstellen. Veränderungen wirken von dort in dein reales Leben hinein.
Die Ergebnisse können sich genauso powervoll anfühlen wie bei "Captain Marvel" wenn wir uns unserer Vergangenheit und den Gefühlen stellen und sie wirkt genauso magisch - im Inneren und im Außen - wie im schönsten Hexenfilm.
Spoiler: Wie das funktioniert, erfährst du im 2. Teil.



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