Rita Schreiber Institut

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Seit 1993
Seelischer Missbrauch
Er ist vielfältig und kann uns in jedem Alter widerfahren

In jedem seelischen Missbrauch steckt ein Machtgefälle. Zwei Menschen, die sich nicht auf Augenhöhe begegnen. Von der einen Seite fehlt der Respekt, die Wahrnehmung der Würde des anderen. Es ist auch egal, ob da ein Erwachsener auf ein Kind trifft, ein Arbeitgeber auf einen Angestellten oder ob es eine Paarbeziehung ist.
Der Missbrauch mit Worten und Gesten kann viel versteckter stattfinden als körperliche Gewalt. Diese ist sichtbar und geht oft mit körperlichem Schmerz einher. Daher ist sie meist auch von Außen leichter feststellbar und lässt sich leichter bewerten. Was in dieser Gesellschaft auch eine strafgesetzliche Relevanz hat.
Bei seelischer Gewalt sind es meist Worte und subtile Handlungen, die oft nicht in physischer Gewalt münden. Es kann sein, ist aber nicht zwingend gekoppelt.
Da die Messbarkeit fehlt, fällt es Opfern schwerer, ihre Not zu kommunizieren und sich Hilfe zu holen.
Die Folgen können ähnlich hoch sein, wie die eines körperlichen Missbrauchs.
Manche Opfer haben noch Jahrzehnte die Folgen zu tragen. Allerdings sieht die Umgebung häufiger einen Burnout, eine Kraftlosigkeit, eine Depression, Ängste oder Handlungsunfähigkeit bis hin zum plötzlichen Gewaltausbruch und seltener den Verursacher im Hintergrund. So wird eher das Opfer stigmatisiert und bekommt vielfach nicht die Hilfe, die eigentlich benötigt wird: Aufbau der Psyche, Unterstützung beim Kräfte sammeln und Hilfe, sich aus dem schädlichen Umfeld zu lösen.
Es gibt gerade eine gesellschaftliche Entwicklung, mit der die Feinfühligkeit für solch ungleiche Strukturen wächst und so fällt immer häufiger der Begriff des Narzissmus. Dies ist eine positive Richtung, es besteht jedoch wieder die Gefahr der Stigmatisierung, diesmal der vermeintlichen Täter. Nicht überall wo Rauch ist, ist auch Feuer.
Es geht mir hier nicht darum, der Entwicklung den Sinn abzusprechen, ich finde die Entwicklung zu feinfühligeren Antennen immer gut und wichtig, sie kann und soll so Vielen wie möglich helfen, dennoch sollte keine Schwarz/Weiß - Sichtweise entstehen.
Jede und jeder, die mit Demütigung, Abwertung und Unterdrückung zu kämpfen hat, braucht Unterstützung.
Die Schwierigkeit beginnt da, wo das Opfer erst mal selbst spüren muss, wie und inwiefern es seiner Kraft und seines Selbstwertes beraubt wird.
Zum einen laufen diese Prozesse meist nicht plötzlich und damit abgrenzbar, sondern sie sind schleichend, sie steigern sich langsam - wie beim sprichwörtlichen Frosch im Kochtopf, der nicht rausspringt, da sich das Wasser zu langsam erhitzt.
Meist ist der Selbstwert schon stark beschädigt und wenn das Opfer dann was verändern möchte, fehlt bereits das Zutrauen und die Kraft.
Ich rede hier im übrigen stets vom Opfer, da die Handlungen des Gegenüber von Empathielosigkeit und Machtgefühlen geprägt sind.
Der Narzisst kann männlich oder weiblich sein und hat seine eigene Geschichte, weswegen er wurde, wie er ist, er spürt jedoch seltenst eine Notwendigkeit zur Veränderung, zur Therapie und Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.
Er ist in seinem eigenen Universum zu Hause und alles hat sich um ihn zu drehen, ihn zu supporten. Er bezieht seine Kraft aus den Abwertungen und dem Leid des Gegenüber, spürt oft sogar dessen Not, aber er bekommt Energie, wenn es dem anderen schlecht geht.
Manche Narzissten schillern, zeigen sich groß, wollen und werden bewundert, andere stellen sich als Opfer dar, um die man sich ständig kümmern soll, dabei haben sie ihr Umfeld im Griff. Wieder andere sind so empathielos, dass sie gefährlich und lebensbedrohlich werden können. Die mögliche Rache eines Narzissten sollte man nie auf die leichte Schulter nehmen. Da sie ihre Kraftquelle nicht verlieren wollen, ist es für das eigentliche Opfer oft schwer, sich aus den Verstrickungen zu lösen.
In meiner Arbeit geht es um die Aufarbeitung der Geschichte von beiden. Ohne ein Maß von Verständnis für die Geschichte des Täters gibt es auch im Inneren des Opfers keine langfristige Loslösung. Schließlich spielen immer Gefühle und Erwartungen eine Rolle, in jeder Beziehung. Sei es zwischen Kindern und Eltern oder auch zwischen Paaren.
Trifft man im erwachsenen Alter auf einen Narzissten, so mag es durch die subtile Entwicklung und Dynamik in der Beziehung so scheinen, als ob es jeden treffen könne, der gewählte Partner muss jedoch in die eigene Vorgeschichte passen, sonst würde es die entsprechende Anziehung und die Reaktionsmuster auf Verhaltensweisen nicht geben.
Daher ist es unbedingt nötig in der eigenen Vergangenheit aufzuräumen, nur so ist die langfristige Kraft da und auch das Verständnis für die feinsten Abläufe der Herabsetzung, um sich aus der schädlichen Struktur befreien zu können.
Bestand die Beziehung nur kurz, kann sie womöglich ohne große Schädigungen des Selbstwertes beendet werden. Manchen stecken jedoch Jahre oder Jahrzehnte darin fest, haben sich ein gemeinsames Leben aufgebaut, haben Kinder, Haus, Firma, ein soziales Umfeld und brauchen neben der Kraft zur Loslösung auch eine wachsende Selbstfürsorge, um seelisch heilen zu können.
Dieser Weg dauert oftmals Jahre und sollte von fiel Verständnis, Geduld und Achtsamkeit für das eigene ICH geprägt sein.