Krise und Neuanfang
- Rita Schreiber

- 7. März
- 5 Min. Lesezeit
Was wäre, wenn Dein Problem Deine größte Chance ist?

Marie kommt zu mir, sie hat eine Trennung hinter sich.
Es ist zwar schon ein dreiviertel Jahr her, aber abends, wenn sie Zuhause ist, die Kinder im Bett sind und endlich Ruhe einkehrt, hat sie keine Energie mehr, noch etwas Schönes für sich zu tun. All der Schwung von früher ist weg. Keine Lust mehr auf Sport, auf Unternehmungen mit den Freundinnen. Die Luft ist raus, die Gedanken kreisen.
Also hat sie eine Therapiewoche mit 7 Psychobionik-Einzelsitzungen bei mir gebucht, um endlich wieder ihre Kraft zu spüren. Eine Auszeit vom Alltag, nur für sich selbst.
Im Erstgespräch spricht sie von der erlebten Trennung, von den Problemen, die es danach zu bewältigen galt. Die Tränen sind schon beim Erzählen da, doch sie schluckt sie tapfer runter. Ich signalisiere ihr, dass es völlig in Ordnung ist, wenn die Traurigkeit in ihr aufsteigt. Diese kann sich nur dann wirklich auflösen, wenn sie nicht mehr ständig verdrängt wird.
Nach dem kurzen Gespräch und ein paar Informationen zum Sitzungsablauf starten wir zügig in die Session. Schnell kommt sie zu dem Tag, an dem sie von der Arbeit nach Hause kam und die Hälfte der Einrichtung fehlte. Die Wohnung wirkte, als ob jemand eingebrochen hätte.
Der Schreck war da. Ein Zettel ihres Partners mit wenigen Zeilen und der Botschaft
ES IST AUS, lag auf dem Küchentisch.
Diese Situation hatte ihr die Energie weggezogen. Der tiefe Grund für ihre aktuelle Unsicherheit.
Es geht also in der Sitzung darum, dass sie wieder Stabilität gewinnt und in ihrer Wahrnehmung die Energie im Körper bleibt, wenn sie das Chaos in ihrem Zuhause vorfindet.
Dazu tauchen Fragen auf - zum Beispiel: hat sie schon einmal so einen Schreck erlebt? Tatsächlich gab es einen intensiven Streit der Eltern als sie gerade mal drei Jahre alt war. Sie erinnert sich an ihre Eindrücke als Kind: Papa hatte Mama dabei gehauen und sie bekam in dem Moment intensive Angst um Mama.
Mit der Hilflosigkeit hatte sie als Kind auch das Gefühl, sich nicht mehr auf Mama oder Papa verlassen zu können und wappnete sich innerlich, künftig alleine im Leben klar zu kommen.
(Natürlich war sie dafür viel zu jung und in der Dreijährigen koppelte sich dieser Entschluss mit der gefühlten Handlungsunfähigkeit).
Das gleiche Gefühl, dem sie in ihrer aktuellen Lage allabendlich ausgesetzt ist. Sie kann nun spüren, wie sie dann in das kleine Mädchen rutscht und die Erwachsene, eigentlich Handlungsfähige, nicht mehr in der Lage ist, die Situation zu meistern.
Ich forderte sie auf, als heutige Persönlichkeit aus der Session, in den Streit der Eltern einzusteigen, beide zu stoppen und ihnen die Auswirkungen für ihr Kind zu verdeutlichen. Es gelingt ihr im inneren Dialog, ihre Eltern betroffen zu machen und wir arbeiten weiter.
Für eine nachhaltige, also stabile Veränderung muss dann auch die Beziehung der Groß- und gegebenenfalls der Urgroßeltern angeschaut werden, den jede Elterngeneration bildet die Vorlage für die Verhaltensweisen der nachfolgenden Generation.
So wie Marie´s Mutter und Vater die Handlungsunfähigkeit in ihr auslösten, können Eltern auch eine Stabilität und damit Resilienz für unerwartete Ereignisse vermitteln.
Gefühle verdrängen, um funktionsfähig zu sein
Eine plötzliche Nachricht, ein Erlebnis, eine Diagnose, lösen häufig einen Schreck aus, gefühlte Energielosigkeit entsteht. Das Leben steht unmittelbar auf dem Kopf. Nichts funktioniert mehr nach unseren Vorstellungen.
Manche Ereignisse fordern viel von uns: eine Trennung, der Verlust eines geliebten Menschen, finanzielle Probleme - dies zu bewältigen ist eine große Herausforderung. Und in welchem Maße wir uns erlauben, wütend zu sein, zu trauern und uns hilflos zu fühlen, hängt nicht zuletzt von unserem Umfeld ab:
Die Kinder, die Beständigkeit brauchen, unser berufliches Umfeld, aber auch die Menschen, die uns weiterhin so erleben möchten, wie wir uns vor dem Ereignis verhalten haben.
Die Meisten von uns mögen keine Veränderung. Der Verstand ist sehr konservativ und Veränderungen können sowohl uns selbst, als auch unseren Mitmenschen, Angst machen.
Die Folge davon: Funktionieren!
Gefühle nur kurzzeitig erlauben, dann gut verpackt, sobald sie einigermaßen bewältigt werden können, wieder in uns verschließen und möglichst tief vergraben.
Die Krise ist da, unvermeidlich und wir kommen nicht daran vorbei.
Die Gedanken kreisen um existenzielle Fragen.
Was hilft: Innehalten, Reinspüren.
Den Gefühlen Raum geben.
Welche Situation hat dir weh getan? Was hat dich überfordert? Wo hast Du jemandem erlaubt, über deine Grenzen zu gehen? Wo hast Du wieder funktioniert und Dir keine Zeit für Deine Gefühle genommen, auch nicht später, als es möglich gewesen wäre?
Seit über 30 Jahren begleite ich meine Klienten bei dieser Frage nach dem Warum, nach dem seelischen Auslöser für ihre aktuellen Probleme.
Sie haben beispielsweise eine Symptomatik und fragen sich: Warum ich? Warum gerade jetzt? Schicksal? Zufall?
Wenn wir nach dem Kontext schauen, finden wir Zusammenhänge mit früheren Ereignissen, mit unverarbeiteten Geschehen, mit tiefen Wurzeln in der Kindheit und in der Ahnenlinie.
Warum? Weil dort bereits geprägt wird, mit welcher Resilienz wir ausgestattet werden, um den einschneidenden Situationen des Leben begegnen zu können.
Wenn ich mit meinen Klienten nach den tieferen Zusammenhängen ihrer Themen schaue, finde ich Ereignisse wie die von Marie, aber mit einer jahrelangen Funktionalität in der Folge.
Diese Verhaltensweisen sind tief eingeprägt und weitere Ereignisse führen zu immer geschickterem Verdrängen. Es übt sich.
Und wenn dies schon seit der Kindheit passiert, funktioniert es automatisch. Wir merken die effektiven Wirkmechanismen der Verdrängung kaum noch.
Natürlich können wir nicht in jedem Moment unseren Emotionen freien Lauf lassen, aber wir könnten uns innerlich mit unseren Gefühlen verabreden, dass wir uns darum kümmern werden, wenn die Situation vorbei und Ruhe eingekehrt ist.
Wenn wir dann noch alte Ereignisse aus der Kindheit und der Ahnenlinie aufarbeiten, bekommen wir Handlungsspielräume für aktuelle Situationen. Statt wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen, sind wir in der Lage erwachsen zu reagieren, statt mit Wut verbal unser Gegenüber platt zu machen, können wir entspannt aber klar eine Grenze ziehen. Die Vielfalt an alternativen Reaktionen nimmt zu und damit wächst das Selbstvertrauen in die eigene Kraft und Autonomie.
Wissenschaftlich erforscht wird mittlerweile, dass komplexe Systeme in der Natur für eine Ausprägung 5 bis 8 Faktoren benötigen. Jeder Vogel im Vogelschwarm orientiert sich im Flug an 5 bis 8 Nachbarn. Die Betriebswirtschaftslehre hat es für das Konsumverhalten herausgefunden, in der Soziologie wird es bei Umfragen genutzt, auch in der Nachhaltigkeitsforschung und der Psychologie gibt es entsprechende Ansätze.
Mit Psychobionik Einzelsitzungen finden wir 5 bis 8 Faktoren die für eine Ausprägung erforderlich sind: ein aktuelles Ereignis, Erlebnisse und tiefe Entscheidungen aus der Kindheit, der Jugend und Erwachsenenzeit, Erfahrungen in der Ahnenlinie usw..
Dazu kommen weitere Faktoren:
Der Lebenssinn - Warum will ich morgens aufstehen? Was möchte ich noch im Leben erreichen, was weitergeben?
Die Lebensfreude - Habe ich ein Ja zum Leben? Zu wieviel Prozent will ich da sein? Gab es Momente wo ich aufgegeben habe?
All diese wichtigen Komponenten können im Kontext mit früheren Entscheidungen aufgearbeitet werden.
Danach braucht es Zeit für eine innere Entwicklung, ein Wachsen in das eigene Zutrauen, in das Vertrauen, dass Gefühle nicht umbringen sondern stark machen.
Diese Arbeit kann eine neue seelische Stabilität ermöglichen. Sie kann Vertrauen geben, Angst nehmen und Kraft für inneres Wachstum hervorbringen.
Nach einer Woche mit 7 Psychobionik-Sitzungen fährt Marie mit neuem Lebensmut und viel Elan nach Hause. Sie hat eine Perspektive bekommen, eine innere Freude auf ihre eigene Zukunft, die sie nun mit ihren Kindern gestalten möchte. Sie möchte den Neuanfang wagen.
Und sie ist neugierig, wie sich die inneren Veränderungen in ihrem Leben zeigen werden.



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