Die Wechseljahre
- Rita Schreiber

- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit
Zeit der Wandlung

Eigentlich ein stimmiger Begriff für ein großes und weitreichendes Thema.
Es betrifft nur uns Frauen? Wohl kaum.
Auch Männer haben eine Form von Wechseljahren. Andere Ausprägungen aber auch sie müssen sich mit den Veränderungen des Körpers und der Jahre auseinandersetzen.
Im Durchschnitt fangen bei Frauen die hormonellen Veränderungen mit Anfang 40 an, bei manchen schon ab Mitte 30.
Krankheiten und bestimmte Medikamente können diesen natürlichen Prozess verschieben.
Es reifen weniger Eizellen in den Eierstöcken und da es weniger Eisprünge gibt, sinkt das Progesteron. Das Östrogen kann vorübergehend an Dominanz gewinnen und das Ungleichgewicht der Hormone wird größer, Schwankungen stärker (Perimenopause).
Wenn die Periode endet spricht man von der Menopause.
Der Östrogenspiegel sinkt, bis schließlich das Progesteron und das Östrogen dauerhaft niedrig sind. Ein Jahr nach ausbleiben der Regel ist Frau dann in der Postmenopause.
Auf der körperlichen Ebene passiert viel, von dem die Psyche nicht ausgenommen ist.
Im Allgemeinen spricht man von Stimmungsschwankungen, Brain Fog, Ängsten und Reizbarkeit. Auf der körperlichen Ebene von Schlafstörungen, Gewichtszunahme, Empfindlichkeit der Brüste, Wassereinlagerungen, von Hitzewallungen, Haarausfall und zunehmend trockener Haut, sowie möglicher Gewichtszunahme, Blasenschwäche und
-senkung, Muskel- und Gelenkschmerzen.
Was für Aussichten.
Meine Mutter sagte früher mal zu mir: „Wenn Du da durch bist, wird das Leben wieder richtig schön“.
Durch meine eigenen Erfahrungen und die Arbeit mit Klientinnen in dieser Phase weiß ich, dass seelische Klärungsprozesse und die innere Haltung diesen natürlichen Wandlungsprozess und dessen Ausprägungen stark beeinflussen können.
Pauschale Betrachtungen und Vorurteile:
Frauen haben Hitzewallungen - alle anderen frieren, sie schwitzen.
Irgendwann können sie keine Kinder mehr bekommen, weil der Eisprung aufhört, Männer im höheren Alter aber schon.
Durch die Veränderung der Hormone wird es schwieriger noch abzunehmen, eine Gewichtszunahme droht. Die Hormonschwankungen lassen sie vorübergehend zickiger werden oder depressiver und „näher am Wasser gebaut“, wie einen Teenager.
Männer haben ihre Midlife-Crisis.
Mit Anfang 40 fahren sie plötzlich Motorrad oder Porsche. Suchen sich eine jüngere Freundin, wollen Bestätigung und gehen dafür sogar ins Fitnessstudio. Andere klettern an Felswänden rum oder lernen segeln.
Von Außen betrachtet wirkt es, als ereile es die Männer früher und im Schwerpunkt emotional, weniger körperlich. Möglicherweise, entdecken sie den Sport für sich. Probleme beim Performen - (sie wissen schon...) werden ja mehr dem Altern zugeschoben, denn der Midlife-Crisis.
Natürlich können die meisten Frauen heutzutage, im Vergleich zu früheren Jahrhunderten (hier haben andere Faktoren eine zusätzliche Bedeutung), noch für einen längeren Zeitraum schwanger werden. In unserer Gesellschaft bekommen viele Mütter ihre Kinder gerne erst, wenn sich eine gewisse Stabilität im Beruf eingestellt hat, also mit Mitte 30 bis Mitte 40.
Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.
Mal abgesehen von den hormonellen Veränderungen, mit nachlassendem Eisprung, stellt sich doch die Frage, welchen Sinn die Wechseljahre auf einer tieferen Ebene haben.
Sollen sie wirklich nur verhindern, das wir mit 75 noch ein Kind austragen, weil es körperlich schwieriger ist oder hat es die Natur so eingerichtet, um das Kind zu schützen, damit es nicht zu jung ist, wenn seine Eltern sterben?
Ein Zeitenwechsel:
Die Wechseljahre markieren auch eine psychische Wandlung: wir werden eingefordert, uns ein paar wichtigen Lebensfragen zu stellen. Es ist sinnvoll, dies näher zu betrachten.
Die möglichen Themen sind:
Was will ich, wollen wir (in der Partnerschaft) noch von unserem Leben?
Habe ich, haben wir alles erreicht, was wir uns vorgenommen haben?
Ist der Kinderwunsch, der Familienaufbau abgeschlossen?
Das Leben ist tatsächlich endlich und nicht grenzenlos. Wie sieht es da mit meinem Energiepotential aus?
Gibt es bereits Jüngere, die mich verdrängen? Zum Beispiel im Berufsleben.
Habe ich meinen Lebenssinn gefunden?
Wie glücklich und zufrieden bin ich?
Sicher findest Du noch mehr Fragen, Deine ganz individuellen Themen.
All das zeigt, dass in diesem Thema das große Potential steckt, vieles durcheinander zu bringen, das Leben auf den Kopf zu stellen und uns in die Untiefen unseres Seins zu katapultieren.
Wenn wir anfangen, uns zu hinterfragen, steckt darin auch die Macht, alles umzuschmeißen, was uns bisher Stabilität gegeben hat und die Kraft, das Leben unseren Wünschen entsprechend, zu verändern.
Wollen wir unseren Partner mit all seinen Macken bis zum Rest unseres Lebens aushalten?
Können wir den Chef oder die Kollegen wirklich bis zur Rente ertragen?
Erfüllt die Arbeit so sehr, dass wir eines Tages sagen können, dafür hat sich das Aufstehen jeden Morgen gelohnt?
Sollte ein NEIN spürbar werden, dann hat das Gewicht. Es hat so viel Kraft, dass es uns regelrecht krank machen kann, wenn wir dem alten Trott folgen - obwohl es sich falsch anfühlt.
Wenn wir aus Angst vor möglichen unklaren, unsichtbaren Konsequenzen im alten System stecken bleiben, kann uns unsere Psyche oder aber auch der Körper signalisieren - so geht es nicht mehr weiter. Beweg dich…
Die Auswahl ist groß: von diffusen Rückenschmerzen, über depressive Verstimmungen bis zu intensiven Symptomen.
Ich habe Klienten, die spüren, dass ein Aspekt (ein Gewinn) ihrer körperlichen und seelischen Probleme ist, dass diese ihnen endlich ermöglichen, nicht zur Arbeit zu müssen, lange fern bleiben zu können oder ganz raus zu kommen. Dummerweise führt das nur meist in eine Sackgasse von Einschränkungen.
Die klassischen Rollenbilder:
Männer preschen von ihrem Naturell wohl eher nach vorne, suchen die Veränderung und Bestätigung, jedenfalls sichtbarer als die meisten Frauen (Ausnahmen bestätigen immer die Regel).
Das Motorrad, die junge Freundin, die neue Familie, noch mal ein Baby zeugen im Alter von 50 oder 60 Jahren.
Ein Bekannter von mir hat durch das ersehnte Motorradfahren die Schulter dauerhaft geschädigt. Ein anderer ist mit einer Frau zusammen, deren Vater genauso alt ist wie er.
Viele Frauen stecken eher fest: Job, Haushalt, Kindererziehung, Eltern pflegen, Chaos abfangen… mit wenig Zeit zur Selbstfürsorge.
Wahrscheinlich gibt es jetzt viele, die sagen, dass es bei ihnen anders läuft, dass ich nur die alte Welt abbilde.
Mag sein. Aber es gibt noch Viele, die im klassischen Rollenverständnis leben, mehr oder weniger freiwillig und es ist gut, wenn die jüngeren Generationen dies aufbrechen wollen.
Ich bin selbst Ende 50 und im Wechsel. Mein Umfeld und die Klienten, die mit ihren Problemen zu mir kommen, zeigen durch die Aufarbeitung ihrer Themen, dass sie in der Tiefe ihrer Seele im Alten feststecken und damit Veränderungen sehr schwer umsetzbar sind.
Und hier kommen wir schon zur Crux der ganzen Thematik.
Je starrer die äußeren Rahmenbedingungen sind und je schwerer eine Veränderung möglich ist, sei es durch eigene Prägungen oder den faktischen Umständen geschuldet, um so stärker treten die Symptome der Wechseljahre in Erscheinung:
Die Hitzewallungen können stärker ausgeprägt sein, je weniger wir uns den Wandel erlauben. Je stärker wir also an den alten Strukturen, dem Gewohnten festhalten, den jungen Jahren nachtrauern und uns dem aktuellen Alter mit den anstehenden Veränderungen nicht stellen wollen, um so heißer wird uns. Simpel? Mag sein. Es steht stellvertretend für den inneren Kampf und das Festhalten.
Je weniger wir uns innerlich und äußerlich bewegen wollen oder können, um so depressiver kann es sich anfühlen. Solltest Du Dich niedergeschlagen und depressiv fühlen - handele: mache einen Spaziergang in der Natur, Sport oder Deinen Haushalt. Gehe in die Bewegung und es verändert sich was. Neue Sinneswahrnehmungen, kleine Entscheidungen beim Handeln, mehr Erdung und ein anderes Körpergefühl kann entstehen.
Je weniger Lebenssinn vorhanden ist, um so launischer reagieren wir auf unser Umfeld. Da stehen wir einem Teenager in nichts nach. Die Wechseljahre fordern uns auf, nach dem Sinn, nach einer erfüllenden Aufgabe für die restlichen Jahre zu suchen.
Fazit:
Je früher wir uns unseren Problemen stellen, unsere Prägungen hinterfragen, Familienthemen in der Ahnengeschichte klären, Schattenarbeit machen und je freier unser JA zum Lebensfluss, zu unseren Gefühlen und den natürlichen Veränderungen des Lebens ist, um so weniger leiden wir unter uns selbst und den Symptomen der Wechseljahre.
Unsere Aufgabe und Chance ist es, unsere Vergangenheit zu verarbeiten, unsere Erfahrungen zu integrieren und damit Altlasten in Potential zu verwandeln.
Wobei der allgemeine Klassiker nicht fehlen sollte:
Mit gesunder Ernährung und mehr Bewegung kannst Du diesen seelischen Prozess auch körperlich unterstützen. Gerade in stressigen Phasen können nährstoffreiche Mahlzeiten mit viel Gemüse, ausreichend Proteinen und gesunden Fetten Dein Immunsystem stärken. Zusätzlich kann ein moderater Muskelaufbau die Stabilität der Knochen fördern.
Durch die Wechseljahre haben wir die Chance zu hinterfragen, zu verändern was wir nicht mehr wollen, neue Werte zu finden und uns sogar neu zu erfinden.
Ein neues ICH auf die Welt zu bringen.
Betrachten wir doch die Wechseljahre als eine Schwangerschaft, an deren Ende eine neue oder korrigierte und stimmigere Lebensaufgabe stehen kann.
Sie muss nicht konträr zum bisherigen Leben sein, der Wandlungsprozess darf auch bestätigen, dass wir seit Jahrzehnten den richtigen Weg entlang gehen.
Nun bewusster und im besseren Einklang mit unserer weiteren Entwicklung.


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